Vermarktung der Natur: Die Weltbank bei Rio+20
Bretton Woods Project, 5. April 2012
Die Bank hat angekündigt, bei der UN-Konferenz Nachhaltige Entwicklung aka Rio+20 im Juni in Brasilien neue Initiativen zu Ozeanen und zur Inwertsetzung von Umweltdienstleistungen vorzustellen, wird jedoch von zivilgesellschaftlichen Organisationen wegen ihres Ansatzes von 'Grünem Wachstum' angegriffen.
Die 'Green Economy' ist eines der Hauptthemen der Konferenz. Der Begriff wird oft austauschbar mit 'Grünem Wachstum' verwendet, eine der Prioritäten beim G20-Gipfel in Mexiko in diesem Jahr. Die Bank hat ihre Forschung zu Grünem Wachstum intensiviert und wird ihren Bericht dazu vor der Konferenz vorlegen. Die Ankündigung der Bank für Rio+20 umschreibt Grünes Wachstum als „climate-resilient, water-smart, land-saving, energy efficient and reliant on diverse energy resources“. Es bringe „Umweltüberlegungen in staatliche Politik und Unternehmensentscheidungen ein“ und stelle „nachhaltiges Management natürlicher Ressourcen – mit seinem Nutzen für die Menschen – ins Zentrum von zukünftiger Entwicklung und Wachstum“. Die Bank hat außerdem betont, dass Länder ein stabiles regulatorisches Umfeld und Anreizsysteme schaffen müssen, um Innovationen der Privatwirtschaft in grüne Investitionen anzuregen und Investitionen von Finanzmärkten zu gewinnen. Sie plädiert außerdem nach wie vor für mehr Öffentlich-Private Partnerschaften.
Diese Herangehensweise an Grünes Wachstum wird von vielen Umweltgerechtigkeitsbewegungen kritisiert. Beispielsweise stellt Teresa Perez von der World Rainforest Movement in Uruguay fest: „Die Weltbank hat durch ihre Politik verbreitete Umweltzerstörungen in Namen des Geschäfts gefördert und stellt sich jetzt an die Spitze eines Grünen Wachstums. Das überrascht nicht wenn man bedenkt, dass Grüne Ökonomie – so wie sie verstanden wird – nichts anders bedeutet als neue Märkte und Chancen für Unternehmen zu schaffen, um deren zerstörerische Aktivitäten wie Bergbau und Industriewälder auszuweiten, und diese Zerstörung durch „Erhaltungsmaßnahmen“ zu „kompensieren“ und damit reiche Ökosysteme in Waren zu verwandeln. Sowohl die zerstörerischen als auch die neuen erhaltenden Aktivitäten führen dazu, lokale Bevölkerungen aus ihren Lebensräumen zu vertreiben.“
WAVES
In Rio wird die Bank eine Veranstaltung durchführen, um ihr Programm WAVES vorzustellen, was für Wealth Accounting and Valuation of Ecosystem Services steht, und ein internationales Aktionsprogramm für Ökosystem-Berechnung vorschlagen. WAVES ist eine Partnerschaft, die - geführt von der Weltbank - das UN-Umweltprogramm UNEP, das UN-Entwicklungsprogramm UNDP, Regierungen von Industrieländern und große Naturschutzorganisationen umfasst. Es will eine Berechnungsmethode entwickeln, die den wirtschaftlichen Wert natürlicher Ressourcen und Ökosystem-Dienstleistungen in die volkswirtschaftlichen Berechnungen eines Landes einbezieht. Die Ausgangsposition dahinter, die auch der Arbeit des UNEP-Programms TEEB (The Economics of Ecosystems and Biodiversity) zugrundeliegt, ist, dass gegenwärtige Messungen von wirtschaftlicher Leistung wie das Bruttosozialprodukt nur Einkommensgewinne durch ökologisch schädliche Aktivitäten erfassen, nicht aber die wirtschaftlichen Auswirkungen des Verlusts natürlicher Ressourcen und von Ökosystem-Dienstleistungen wie der Versorgung mit sauberem Wasser oder Ökotourismus.
Die Bank führt dafür gegenwärtig eine Serie von Pilotprojekten in Entwicklungsländern durch. Gleichzeitig hat sie ein Komitee technischer Experten einberufen, das die Methodologie entwickeln soll, wobei das langfristige Ziel ist, Finanzministerien mit Instrumenten zu versorgen, um Ökosystem-Berechnungen in politischer Analyse und Entwicklungsplanung zu berücksichtigen.
Aniol Esteban, Umweltökonom bei der New Economics Foundation, stellt fest: „Die Arbeit, die die Weltbank in den vergangenen Jahren zu Wohlstandsberechnungen gemacht hat, versorgt Regierungen mit mehr Informationen und ist damit ein erster Schritt für bessere Politik. Die Veranschaulichung der unterschiedlichen Formen von Kapital verbessert oftmals das nachhaltige Management natürlicher Ressourcen. Doch ist es wichtig zu erkennen, dass nicht alle Formen von Kapital substituiert werden können, dass nicht alle Ökosysteme angemessen in monetären Begriffen beschrieben werden können, und dass es ökologische Grenzen gibt, innerhalb derer wirtschaftliche Aktivitäten operieren müssen.“
Das Mandat des Komitees beinhaltet auch eine Bestandsaufnahme, ob die Methoden, die entwickelt wurden, für Marktmechanismen wie Biodiversity Offset Schemes genutzt werden können. Viele zivilgesellschaftliche Gruppen haben auf die widersprüchlichen ökologischen und sozialen Auswirkungen von Kohlenstoff-Finanzierungsprojekten hingewiesen, die natürliche Prozesse zu neuen Märkten für Waren gemacht haben. Kritiker befürchten, dass Methoden, die Dienstleistungen von Ökosystemen bepreisen, benutzt werden könnten, um ähnliche Märkte für Naturkapital zu schaffen, und damit neue soziale, ökologische und ökonomische Risiken geschaffen würden. Antonio Tricario von der italienischen NGO Campagna per la Riforma Della Banca Mondiale meint: „Die Weltbank ist immer sehr gut darin, neue Pilot- und Marktorientierte Mechanismen für Maßnahmen gegen Umweltprobleme vorwegzunehmen, die dann von den Regierungen übernommen werden. Das geschah beim Kyoto-Protokoll und hat dazu geführt, dass wir wirkungslose und schädliche Kohlenstoffmärkte bekommen haben. Heute legt die Bank die Grundlagen für die Kommodifizierung und Finanzialisierung der Dienstleistungen von Ökosystemen. Das hilft weder der Umwelt noch den Armen, und Regierungen sollten es stoppen.“
Rettung unserer Meere?
Im Februar startete die Bank eine Initiative, um die Weltmeere des Planeten zu schützen. Die Global Partnership for Oceans, geführt von der Weltbank, umfasst UNEP sowie Regierungen kleiner Inselstaaten, große Umwelt-NGOs und Unternehmen, darunter den Marktführer für Fischrestaurants, Darden. Von den Beteiligten wird erwartet, dass sie neue Ansätze zu Überfischung, Habitat-Zerstörung der Ozeane, Lebensbedingungen und Ökosystem-Dienstleistungen koordinieren und vorantreiben. Weltbankpräsident Robert Zoellick erwartet Investitionen von 1,2 Milliarden US-Dollar in den kommenden fünf Jahren. Die Bank will eine Veranstaltung bei Rio+20 organisieren, um die Partnerschaft vorzustellen und einen Bericht über Weltmeere zu veröffentlichen.
Seit Zoellicks Amtsantritt als Präsident ist die Bildung hochrangiger Koalitionen, um Themen globaler öffentlicher Güter anzugehen, gängig. Doch Sylvia Earle, Ozeanografin bei der US-amerikanischen wissenschaftlichen Institution National Geographic Society, warnt vor den Gefahren eines solchen Ansatzes: „Es ist zwar ermutigend, dass die Weltbank inzwischen soweit ist zuzugeben, dass die Ozeane in Gefahr sind. Aber wir müssen uns erinnern, dass sie nicht nur für gute, sondern auch für schlechte Nachrichten verantwortlich ist – und sie ist mit ihren Investitionen in Megastaudämme und katastrophale Landwirtschafts- und Aquakulturprojekte verantwortlich für einige der schlimmste Fehler aller Zeiten. Wir sollten deshalb abwarten, wie diese Allianz funktioniert, bevor wir feiern. Ich würde es eher begrüßen, wenn die Arbeit der UN (ihrer Gesetze, die die Meere betreffen) besser wäre.“
Bei der Vorstellung der Initiative unterstrich Zoellick die Bedeutung, die die Schaffung der richtigen Marktvoraussetzungen für eine nachhaltige Nutzung der ozeanischen Ressourcen habe, einschließlich Governance, und der Stärkung von Fischereilizenzen für lokale Bevölkerungen auf der Grundlage bestehender Rechte. WAVES ist gleichfalls ein zentraler Teil dieser Partnerschaft, mit dem Ziel, Berechnungsmethoden für das Naturkapital zu nutzen, um sicherzustellen, dass Länder den wirtschaftlichen Nutzen des Schutzes der Weltmeere erkennen. Gleichzeitig schlägt die Partnerschaft vor, dass zukünftig mehr als zwei Drittel der Fisches aus Aquakulturen, also von Fischfarmen kommen soll. Die Partnerschaft wird ebenfalls Markt-basierte Mechanismen für den Schutz der Weltmeere überlegen, die möglicherweise Zertifikate für den Schutz von Meeres-Lebensräumen, die Kohlenstoff speichern wie Mangrovenwälder und Seegrasfelder, beinhalten.
„Der Schlüssel zum Erfolg dieser Partnerschaft werden neue Marktmechanismen sein, die Naturkapital in Wert setzen und private Finanzierung anziehen können,“ erklärt Abyd Karmali, Chef der Abteilung für Kohlenstoff-Märkte bei Merrill Lynch. Ruth Davies, Politikberaterin bei Greenpeace UK, warnt vor einer Integration dieses „blauen Kohlenstoffs“ in Kohlenstoffmärkte: „Das Wesen von Märkten – Markt-basierte Ansätze zum Umweltschutz eingeschlossen – besteht darin, dass sie nicht einfach eine Bewertung ermöglichen, sondern Handel. Trotz gewichtiger Beweise, dass biologische Kohlenstoff-Handelssysteme sich als grobschlächtig, ungerecht und ineffektiv erwiesen haben, scheint es so, als ob der Versuchung schwer zu widerstehen ist, jetzt neue Märkte in 'ozeanischen Dienstleistungen' zu schaffen. Wir brauchen stattdessen dringend andere, praktischere und wirksamere Mittel, um den Wert unserer Ozeane und die Rechte der Millionen Menschen, die darauf angewiesen sind, anzuerkennen.“ (9.500 Zeichen)
Bretton Woods Project, 5. April 2012. Übersetzung: Uwe Hoering. Link zur englischen Originalfassung: Nature on the market? The World Bank at Rio+20