Weltkongress für die genetische Verbesserung von Nutztieren

Vom 1.-6. August 2010 findet in Leipzig der 9th World Congress on Genetics Applied to Livestock Production (WCGALP) statt. Er versteht sich als wichtigster Treffpunkt für Wissenschaftler aus aller Welt, die an der "genetischen Verbesserung von Nutztieren" arbeiten. Alle vier Jahre werden hier mehrere hundert wissenschaftliche Studien präsentiert – kräftig gefördert von der Agrarindustrie: Angeführt von der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Rinderzüchter e.V. (ADR) gehören zu den Sponsoren führende Unternehmen wie die Erich Wesjohann-Gruppe mit ihren Töchtern Aviagen und Lohmann Tierzucht, sowie Hendrix Genetics, Pfizer, Bayer, TOPIGS und KWS SAAT. Über die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fließen auch Steuermittel in die Veranstaltung.

Der Kongress ist Anlass für dieses globe-spotting-SPECIAL. Damit sollen die wachsende Bedeutung der Fleisch produzierenden Industrie und die von ihr ausgehenden Gefahren für die Gesundheit von Mensch und Tier, für die natürliche Umwelt und für die Situation von annähernd einer Milliarde Menschen, für die Nutztiere eine wichtiger Beitrag ihrer Existenzsicherung sind, beleuchtet werden.

Gammelfleisch, Käfighaltung, Vogel- und Schweinegrippe bringen die industrielle Fleischerzeugung immer wieder in die Schlagzeilen. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit dagegen vollzog sich der Transformations- und Konzentrationsprozess, den die Industrie in den vergangenen Jahren vollzogen hat, zunehmend verflochten mit der Aquakultur, dem derzeit am schnellsten wachsenden Teil der Industrie. Einige wenige Unternehmen kontrollieren inzwischen die gesamte Produktions- und Wertschöpfungskette vom Genmaterial und der Züchtung über die Massentierhaltung bis hin zur Supermarkttheke. Praktisch die gesamte Tierzüchtung ist privatisiert und auf Biotechnologie umgestellt worden, wobei ähnlich wie in der Landwirtschaft zunehmend auf Gentechnologie und Patentierung gesetzt wird. Die pharmazeutische Industrie wächst derzeit überdurchschnittlich im Veterinärbereich.

Die Folgen sind katastrophal: Die Tierschutzprobleme der industriellen Tierhaltung sind inzwischen hinlänglich bekannt, ebenso die unmittelbaren Gesundheitsrisiken – auch wenn beide gerne als „Ausreißer“ verharmlost werden. Zunehmend richtet sich der Blick auch auf ihre Umwelt- und Ressourcenprobleme – die Verseuchung von Böden und Wasser, der Verlust genetischer Vielfalt von Nutztieren, oder ihr Beitrag zum Klimawandel, dessen Ausmaß gegenwärtig ein heftig umkämpftes Terrain ist. Mit der Industrialisierung werden Epidemien häufiger und weltumfassender: Die Kosten der Vogelgrippe wurden von der Weltbank auf 1,25 Billionen US-Dollar oder 3,1 Prozent des Weltsozialprodukts geschätzt. Die gewaltige Nachfrage der Industrie nach Viehfutter treibt den Verlust der Wälder voran und die Preise für Grundnahrungsmittel in die Höhe. Und immer mehr Hirtenvölker, Kleinproduzenten und bäuerliche Betriebe, für die die gemischte Land- und Viehwirtschaft die Lebensgrundlage ist, werden verdrängt oder zu abhängigen Vertragsbauern.

Dieses globe-spotting-SPECIAL wird betreut von Susanne Gura (gura(a)dinse.net), freie Beraterin zu Fragen der landwirtschaftlichen Biodiversität und Expertin in Sachen Tierhaltungsindustrie. Uwe Hoering