Reisanbau in China: Uphoffs Hoffnung

Nie Fu-qui verstößt gegen so ziemlich alle Regeln des Reisanbaus. Beim Auspflanzen setzt der Bauer aus dem Dorf Bu Tou in der Provinz Zhejiang nicht jeweils ganze Büschel, sondern immer nur einzelne und sehr junge Setzlinge, zudem im Abstand von 40 Zentimetern und exakt in Reihe. Das Feld wird auch nicht geflutet, sondern nur spärlich bewässert. Und Nie Fu-qui verzichtet weitgehend auf Industriedünger, ganz auf Chemie gegen Unkraut und Schädlinge. Da er dennoch höhere Erträge hat, überzeugte die neue, unorthodoxe Methode auch viele seiner Nachbarn.

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Siehe dazu auch: Reiche Ernte. Eine Erfolgsgeschichte aus Kambodscha. Broschüre 16 Seiten, herausgegeben vom EED: Download (pdf-Datei 1,92 MB), auch in englisch

China: Grüne Revolution wird grüner

Auf den Bierdosen prangt das Label „Green Food“, ebenso auf Tüten mit Reis, Chips und Gewürzen, auf Konserven und Flaschen. In der Bioabteilung des Carrefour-Supermarktes in Beijings Guangqumennei Dajie wird auf Postern die Herkunft von Obst und Gemüse von der Farm bis zum Regal erläutert. Eine junge Verkäuferin steht bereit, Fragen zu beantworten. „China ist weltweit führend in der organischen Be­wegung“, meint der australische Agrarwissenschaftler John Paull und sieht eine „or­ganische Agrarrevolution“ heraufziehen. Chinas erstes, bereits in den 1980er Jahren gegründetes „Öko-Dorf“ Liu Min Ying ist inzwischen ein Großkonzern, der Super­marktketten beliefert und in Ökotourismus und -training diversifiziert hat, und gilt heute als eines der reichsten Dörfer in der Hauptstadt-Region. Bioläden wie Lohao City haben Filialen in Beijing, Shanghai und der Industriemetropole Shenzhen.

In der Tat sind die Zahlen eindrucksvoll, mehr noch die Wachstumsraten: Ein Drittel der landwirtschaftlichen Nutzfläche von rund 122 Millionen Hektar wur­de inzwi­schen zertifiziert – wenn auch nach unterschiedlichen Standards. Dadurch katapul­tierte sich China innerhalb von weniger als zehn Jahren unter die fünf führen­den or­ganischen Agrarproduzenten. 180.000 Produkte und mehr als 1.000 Schlüsselunter­nehmen der Nahrungsmittelindustrie wurden, so ein Bericht der Tageszeitung China Daily vom Anfang des Jahres, inzwischen als „grün“ eingestuft. 2007 lag der Anteil von Produkten mit dem „Green Food“-Label an den Agrarexporten mit mehr als 2,1 Milliarden US-Dollar bei sieben Prozent, bei einer jährlichen Steigerung von über 40 Prozent.

 

Label-Wachstum ...

Allerdings ist nicht alles, was ein Label trägt, auch wirklich im strikten Sinne „Bio“: Der weitaus größte Teil, etwa ein Viertel der Agrarfläche, wird als Wugonghai zerti­fiziert, eine Bescheinigung, dass die Produkte „Schadstoff-frei“, also gesundheitlich unbedenklich seien. Strikter ist das „Green Food“-Label (Lüse Shipin), das Anfang der 1990er Jahre eingeführt wurde: Es zeichnet Produkte aus, die mit ver­ringerten Chemiegaben angebaut werden, doch schließt es weder generell Pestizide noch gen­technisch veränderte Pflanzen aus. Die Anbauflächen und Mengen sind be­reits erheb­lich kleiner, erst recht beim Standard „Green Food AA“, der weitgehend den Krite­rien der organischen Landwirtschaft entspricht, aber als rein chinesisches Zertifizie­rungssystem international bislang nur von einigen wenigen Abnehmern an­erkannt wird. Lediglich zwei bis vier Prozent der Anbauflächen sind nach den Anfor­derungen von IFOAM, der International Federation of Organic Agricultural Move­ments, zer­tifiziert und entsprechen damit internationalen Anforderungen.

Gleichzeitig haben ausländische Supermarktketten die Marktchancen erkannt, die kaufkräftige, qualitätsbewusste und durch Skandale verunsicherte Mittelschichten in den großen Städten bieten. So hat Carrefour, das mehr als 130 Märkte betreibt, eine eigene „Qualitätslinie“, bei der das Unternehmen verspricht, jeden Schritt vom Bau­ernhof bis zum Regal zu kontrollieren. Direkte Abnahmeverträge mit einzelnen Bau­ern und Genossenschaften schalten Mittelsmänner in der Wertschöpfungskette aus. Niedrige Löhne machen die höhere Arbeitsintensität von organischer Landwirtschaft wett. Und die Verbraucher sind bereit, für „grüne“ Lebensmittel deutlich höhere Prei­se zu zahlen.

Die Label-Vielfalt ist eine Strategie, die Auswirkungen der Grünen Revolution in den Griff zu bekommen, mit der China seit den 1980er Jahren versucht, trotz schwinden­der Boden- und Wasserressourcen eine wachsende Nachfrage zu befriedigen. Welt­weit führend im Einsatz von Industriedünger und Agrargiften, werden Nahrungs­mittel hochgradig belastet, was immer wieder zu Skandalen und gelegentlich zu Pro­testen führte. Auch der Aufstieg zum - nach Angaben der Welthandelsorganisation WTO - mittlerweile fünftgrößten Exporteur von Agrar­produkten wurde immer wieder durch Einfuhrverbote der wichtigsten Importländer Japan, USA und Europa gebremst, vor allem wegen Belastungen mit Pestiziden und Antibiotika. Notorisch auffällig waren gefrorene Hühnchen und Shrimps. Aber auch Erdnüsse mit Giftstoffen und Tee mit Pestiziden kratzten am Ruf. Gleichzeitig stei­gen die Anforderungen der Importländer ständig und setzen die Hürden für die Er­zeuger immer höher, während Konkurrenten wie Indien ebenfalls auf den Ökomarkt in Europa oder den USA drängen.

Die im engeren Sinne ökologischen Agrarerzeugnisse, meist produziert von großen Staatsbetrieben, gehen denn auch vorwiegend in den Export. Bislang sind es vor al­lem Reis, Tee und Kräuter, Gemüse und Pilze, Kürbis- und Sonnenblumenkerne und Öle. Bei der überwiegenden Mehrzahl der übrigen zertifizierten Produkte, die vor al­lem für den einhei­mischen Markt bestimmt sind, sind die Kontrollen und Label je­doch kaum mehr als normale Verfahren, die verhindern sollen, dass Nahrungsmittel gesundheitsschädlich sind. Sie konzentrieren sich weitgehend auf die Endprodukte. Eine Überprüfung der Produktionsbedingungen, der Höfe und der Verarbeitung fin­det erst sehr punktuell statt, wie der Skandal mit der Melamin-verseuchten Milch zeigt. Ebenso sind Anfor­derungen wie die Rückverfolgung zum Erzeuger angesichts der Vielzahl über­wiegend kleinbäuerlicher Produzenten und Mini-Verarbeitungs­betrieben vorerst eine Illusion.

 

... aber ohne Bauern

Für Kleinbauern bringt die Label-Flut, die Erzeuger wie Verbraucher gleichermaßen verwirrt, allerdings wenig. Li Gui Yong hat, wie die meisten Bauern in der Um­gebung von Beijing, nur einige mu Land, weniger als einen halben Hektar. Er war ei­ner der ersten, der vor 14 Jahren begann, ein eigenes Gewächshaus zu errichten: dicke Lehmwände an drei Seiten, die die Wärme halten, zur Sonnenseite hin ein Dach aus Bambusrohr und Plastikplane. Inzwischen reiht sich ein Gewächshaus an das andere. Gurken, Tomaten und Chillies verdrängen nach und nach den Anbau von Weizen, Mais und Baumwolle.

Wasser bekommt Li Gui Yong kostenlos aus dem Gemeinschaftsbrunnen. Trotzdem hat er im Rahmen eines Projekts zur Verbesserung der intensiven Landwirtschaft, das von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, GTZ, betreut wird, mit Tröpf­chenbewässerung begonnen. Er erklärt, wie er den Pestizideinsatz reduziert und Schädlinge biologisch bekämpft. Da es für eine Zertifizierung „noch zu früh“ sei und er und die Genossenschaft nur auf dem Großmarkt verkaufen können, erzielen sie für ihre Schadstoff-reduzierten Gurken allerdings keine höheren Preise, haben jedoch einen Konkurrenzvorteil. 50.000 Yuan bringt ein Gewächshaus im Jahr ungefähr ein, umgerechnet 5.000 Euro - viel Geld verglichen mit dem Monatslohn eines Saison­arbeiters von 1.000 Yuan.

Wie in der staatlichen Agrarpolitik, wo die Exportinteressen die wichtigste Triebkraft sind, sind es für Bauer wie Li Gui Yong vor allem ökonomische, weniger ökolo­gische Überlegungen, die sie „grün“ werden lassen – niedrigere Kosten und bessere Absatzmöglichkeiten. Eine völlige Umstellung auf organische Landwirtschaft kön­nen sich jedoch die wenigsten Bauern leisten. Das Risiko ist zu hoch, erklärt Li Gui Yong, und die Zertifizierung zu aufwändig. Die meisten Bauern sind auch zu arm und haben kaum Zugang zu städtischen Märkten. Dabei gibt es trotz Grüner Revo­lution immer noch in vielen Regionen gute Ausgangsbedingungen für organische Landwirtschaft, die in China ein lange Tradition hat. Doch um daran anzuknüpfen und sie weiter zu entwickeln, fehlte bislang die staatliche Unterstützung, während die Agroindustrie durch erhebliche Subventionen bevorzugt wird. Von Ausnahmen abge­sehen geht die „organische Revolution“ bislang an der großen Mehrzahl der bäuer­lichen Betriebe vorbei. Die Preisaufschläge, die für „Green Food“ 10 bis 50 Prozent, für organische Erzeugnisse auch ein Mehrfaches betragen können, steckt vor allem der Handel ein, erst recht die Exportgewinne. Oder die großen Erzeuger wie die Staatsbetriebe.

So ist es noch ein weiter Weg, bis Chinas Landwirtschaft wirklich „grün“ wird. Trotz „Green Food“-Label und Umweltskandalen wie der Algenblüte im Tai-See 2007, durch die das Trinkwasser von zwei Millionen Einwohnern der Stadt Wuxi ungenieß­bar wurde, stiegen Produktion und Einsatz von Industriedünger laut Greenpeace wei­ter an. Es ist schwierig, ein verlässliches, flächendeckendes Kontroll-System aufzu­bauen und die Bauern dazu zu bringen, die vorgegebenen Standards auch wirklich einzuhalten – zumal wenn Klärschlämme, oft mit Schwermetallen belastet, in vielen Regionen der preiswerteste Dünger sind. Immer wieder gibt es zudem Berichte über gefälschte Labels und Produkte.

Aber es gibt Hoffnung: Auch Thailand hatte in den 1990er Jahren erhebliche Pro­bleme mit seinen Agrarprodukten und ihrer Unbedenklichkeit, die jedoch inzwischen weitgehend gelöst sind. Mit jedem neuen Skandal wächst die Unterstützung für bes­sere Kontrollen und organischen Anbau durch Agrarministerium und Regierung, be­richtet die Umweltexpertin Eva Sternfeld. Und wenn es tatsächlich gelingen würde, dass die Millionen Kleinbauern China ökologisch ernähren, wäre das wirklich ein Durchbruch für die organische Landwirtschaft weltweit. Uwe Hoering, September 2009 

Quellen:

John Paull, The Greening of China's Food – Green Food, Organic Food, and Eco-labelling. Sustainable Consumption and Alternative Agri-Food Systems Conference Liege University, Arlon, Belgium, 27-30 May 2008. http://orgprints.org/13563

John Paull, China's Organic Revolution. Journal of Organic Systems 2007 2(1) 1-11. http://orgprints.org/10949

Eva Sternfeld, Organic Food „Made in China“. EU-China Civil Society Forum, 10/2009 – 11.August 2009. www.eu-china.net/web/cms/front_content.php?idcat=5&idart=1200

F. Zhang, u.a., A Perspective on Organic Agriculture in China – Opportunities and Challenges. 9.Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau. http://orgprints.org/10388

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