Gefährdete Ernährungssicherheit
Gastbeitrag: Gefährdete Ernährungssicherheit
Im Gespräch mit der Tageszeitung Global Times erläutert Zhou Li, Agrarökonom an der China Renmin University in Beijing, Bedenken gegen eine rasche Kommerzialisierung von genetisch veränderten Nahrungspflanzen.
Global Times: Was halten Sie von der kürzlich getroffenen Entscheidung des Landwirtschaftsministeriums, Biosicherheits-Bescheinigungen für zwei Sorten von gv-Pflanzen zu erteilen?
Zhou Li: China hat durchaus Gründe für einen solchen Schritt. Aber das Ministerium hat es zu eilig, die Zertifikate auszustellen. Es gibt nicht genug Experimente, um die Sicherheit von gentechnisch veränderten Pflanzen nachzuweisen. Jede neue technologische Revolution bringt Sicherheitsprobleme. So wird die Gentechnologie sicherlich zu Problemen für die Ökologie und die menschliche Gesundheit führen. Notwendig sind weitere Forschungen, um die Auswirkungen von gv-Nahrung zu untersuchen. Yuan Longping, der den chinesischen Hybrid-Reis entwickelt hat, ist überzeugt, dass es zwei Generationen dauern wird, um die Nahrungssicherheit von gv-Pflanzen zu testen und zu prüfen, ob sie die Fruchtbarkeit beeinflussen.
Gentechnologien schneiden normalerweise kurzfristig hervorragend ab. Deshalb wollen lokale Behörden und Bauern gv-Pflanzen anbauen und chinesische Unternehmen mit multinationalen Saatgutlieferanten zusammenarbeiten.
Ebenso wollen Universitäten und Institute, die Gentechnologien erforschen, Finanzmittel einzuwerben und Veröffentlichungen vorweisen. Multinationale Nahrungsmittelkonzerne und Saatgutunternehmen haben wichtigen Universitäten und Instituten Forschung und Lehre, Stipendien, Konferenzen und gemeinsame Projekte finanziert. Dadurch wurden Forscher zu ihren Fußsoldaten im Gen-Krieg. Ich weiß allerdings nicht, ob solche Interessengruppen hinter der Erteilung der beiden Biosicherheits-Zertifikate stehen.
Global Times: Ist der Anbau von gv-Nahrung für die Landwirtschaft in China notwendig?
Zhou Li: Ich denke, dass die Entwicklung von Landwirtschaft und ländlichen Gebieten zunächst natürliche und soziale Gesetzmäßigkeiten respektieren muss, und dann erst wirtschaftliche und politische.
China hat eine große und wachsende Bevölkerung. Doch die Erhaltung der biologischen Vielfalt, die regionale Landwirtschaft, die kleinen Familienbetriebe und andere Bereiche, die sich als effizient erwiesen haben, haben nicht genug finanzielle Unterstützung erhalten und ihr Potenzial, die Produktion zu steigern, wurde nicht ausreichend genutzt.
Außerdem hat China immer noch viele Verbesserungsmöglichkeiten bei der Nutzung konventioneller Züchtungsmethoden, der Entwicklung der Bewässerungslandwirtschaft und anderer landwirtschaftlicher Infrastruktur, oder bei Maßnahmen, um den Wasserverbrauch zu senken. Dies sind die wichtigsten Methoden, um Ernährungssicherheit und gesunde Nahrung sicher zu stellen. Solange wir diese Methoden nicht bestmöglich nutzen, ist es zu früh zu behaupten, Gentechnologie sei die einzige Lösung, und deshalb Sicherheitsfragen beiseite zu schieben.
Global Times: Ein zentraler Punkt in der Auseinandersetzung sind die Auswirkungen von gv-Nahrung auf den menschlichen Körper. Es gibt Berichte, dass sich bei Tierexperimenten negative Effekte zeigten. Was ist Ihre Meinung in dieser Frage?
Zhou Li: Es gibt zwei große Bevölkerungsgruppen, die wegen gv-Nahrung besorgt sind – die Erzeuger und die Verbraucher. Niemand hat bislang die Bauern gefragt, ob sie gv-Pflanzen anbauen wollen, oder die Verbraucher, ob sie sie konsumieren möchten. Ich denke, man kann nicht behaupten, gv-Nahrung sei sicher, solange die Meinung von Erzeugern und Verbrauchern nicht berücksichtigt wird.
Global Times: Werden Genpflanzen die Einkommen der Bauern steigern?
Zhou Li: Einige Agrarexperten glauben, dass schädlingsresistenter gv-Reis den Einsatz von Pestiziden verringern kann und damit die Kosten für die Erzeugung von Nahrungsmitteln. Doch die Fakten könnten das widerlegen. Nehmen wir das Beispiel von schädlingsresistenter Baumwolle. Nachdem sie in der Proving Jiangsu 2001 eingeführt worden war, ging in den ersten drei Jahren, bis 2004, der Einsatz von Pestiziden zurück und die Produktion stieg. Doch danach sank die Baumwollqualität. Und weil Gen-Baumwolle nur gegen eine Art von Schädlingen resistent war, stellten andere Schädlinge eine größere Bedrohung dar als zuvor, sodass der Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmittel wieder stieg. Was die Bauern in den ersten Jahren einsparten reichte nicht aus, um die steigenden Kosten in den späteren Jahren auszugleichen. Zudem können Genpflanzen die landwirtschaftlichen Produktionskosten nicht senken, weil ihr Einsatz normalerweise höhere Investitionen in Saatgut, chemischen Dünger, Pestizide und Maschinen erfordert.
Global Times: Nach Aussagen der Umweltorganisation Greenpeace werden für Chinas Gen-Reis zehn ausländische Patente genutzt. Wie könnte das Chinas Ernährungssicherheit beeinflussen?
Zhou Li: China wird hohe Gebühren zahlen müssen, wenn es diese Patente kommerziell nutzen will. Doch es gibt dabei noch andere Aspekte. Nehmen wir Brasilien und Argentinien. Sie führten moderne landwirtschaftliche Technologien ein, transgenes Saatgut und Dünger aus den USA, was zu einer permanenten Abhängigkeit von der US-amerikanischen Agrarindustrie führte. Argentinien rodete einen großen Teil seiner Wälder, um Gen-Soja anzubauen. Der großflächige industrielle Sojaanbau führte zu einem exzessiven Einsatz von Unkrautvernichtungsmitteln und viele Farmer gingen unter der Last hoher Kosten bankrott. China hat so viele Kleinbauern. Welche Möglichkeiten haben sie, wenn die industrialisierte Landwirtschaft sie von ihrem Land vertreibt?
Global Times: Wie könnte Chinas Handel mit Nahrungsmittel betroffen sein?
Zhou Li: Verschiedene Nahrungsmittel-Skandale haben bereits das Ansehen des Landes beschädigt. Chinas Handel ist außerdem davon betroffen, dass einige Länder, insbesondere in Europa, strenge Beschränkungen für die Einfuhr von gv-Nahrung haben. Ich befürchte, es wird sehr viel schwieriger werden, diese Länder zu überzeugen, chinesische Nahrungsmittel zu akzeptieren.
(Gekürzt, Übersetzung: Uwe Hoering)
Quelle : Global Times, 18. März 2010. Siehe auch den Text "China: Reis aus dem Gentechnik-Labor?" als Download (pdf-Datei 127 kb)