Zweifelhafte Erfolgsmeldung der Vereinten Nationen

Trinkwasserversorgung für neun von zehn Menschen angeblich gesichert

Ein Kommentar von Uwe Hoering, März 2012

Stolz vermelden die Vereinten Nationen, dass die Zahl der Menschen, die über sauberes Trinkwasser verfügen, deutlich gestiegen sei: Mit 89 Prozent der Weltbevölkerung, so die Frohe Botschaft im aktuellen Wasserbericht, sei das Millenniums-Entwicklungsziel, den Anteil der Bevölkerung ohne Zugang zu sicherem Trinkwasser bis 2015 zu halbieren, bereits jetzt, drei Jahre vor der Deadline, erreicht, ja sogar übertroffen. Das klingt zu schön, um wahr zu sein.

Stutzig macht zum einen, dass hier diejenigen ihren Erfolg verkünden, die diese Millennium Development Goals, MDGs, selbst aufgestellt haben. Das erlaubt zumindest die Vermutung, dass sie sich und der Welt etwas vormachen. Denn je näher das Datum 2015 und damit die Stunde der Abrechnung rückt, desto größer wird der Erfolgsdruck, zumal bei anderen Zielen wie etwa der Zahl der Armen und Hungernden die Aussichten weniger günstig sind.

Doch sind es vor allem die Daten selbst, die unglaubwürdig sind.

So behaupten die Vereinten Nationen, dass der Anteil der Menschen mit sicherem Trinkwasser gegenüber 1990 um 13 Prozentpunkte gestiegen sei – ein wahrhaft großer Sprung, auch angesichts des Bevölkerungswachstums: Selbst wenn jeder zweite dieser zwei Milliarden Glücklichen in China und Indien lebt und allein schon der Hinweis auf den Aufschwung in Ost- und Südasien ausreichen mag, um jegliche Wachstumsbehauptung glaubhaft erscheinen zu lassen, sind Zweifel angebracht: Besonders für Indien ist ein Anstieg seit 1990 von 69 auf 92 Prozent angesichts der maroden Versorgungsunternehmen, unvermindert wachsender Slums und eines hohen Anteils ländlicher Bevölkerung, für die Programme zur Versorgung mit Trinkwasserpumpen seit Jahrzehnten mit schöner Regelmäßigkeit scheitern, äusserst unwahrscheinlich. Ein Anstieg in China im gleichen Zeitraum von 67 auf 91 Prozent mag zwar angesichts rabiater Stadtsanierungen und zahlloser Millionenstädte mit neuer Infrastruktur, die aus den Boden gestampft wurden, plausibler sein – doch auch hier lebt nach wie vor die Hälfte der Bevölkerung in unterversorgten ländlichen Regionen.

Der gemeldete Anstieg bleibt auch ein Geheimnis, weil gleichzeitig viele Quellen über unzureichende Investitionen in den Wassersektor klagen, beispielsweise das Stockholm International Water Institute, SIWI, und ein Forschungsbericht der Deutschen Bank. Die Schwierigkeiten, das Geld für den notwendigen Ausbau und die Instandhaltung aufzubringen, wurden durch die Finanz- und Wirtschaftskrise eher noch verstärkt.

Das Fatale an dieser Erfolgsmeldung: Sie lenkt von den Erfordernissen ab, erweckt den Eindruck, man sei auf dem richtigen Weg. Und das Thema 'Recht auf Wasser' wäre damit schon so gut wie erledigt. Was mitnichten der Fall ist. Selbst wenn die Behauptungen stimmen sollten, sind nach wie vor immer noch 800 Millionen Menschen vom Menschenrecht auf Wasser ausgeschlossen, und das sind besonders die Ärmsten, denen es auch anderweitig an allem fehlt. Ausserdem wird das ebenso wichtige Ziel, die Versorgung mit menschenwürdigen hygienischen sanitäre Anlagen, weit verfehlt. Und das reduziert wiederum – ganz praktisch - die Gewissheit, dass aus Wasserleitungen, wenn sie denn existieren sollten, wirklich sauberes Trinkwasser kommt.

Ich bin jedenfalls gespannt auf die ersten Berichte, die die Vermutung, dass hier der Wunsch Vater der Statistik war, mit unabhängigen Zahlen belegen. (3.500 Zeichen)