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China: Grundinformationen

Die Volksrepublik China ....

 

... ist mit 9,33 Millionen Quadratkilometern das zweitgrößte Land nach Russland, knapp vor Kanada und den USA, und fast 28 mal so groß wie die Bundesrepublik Deutschland,

....hat lediglich 10 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche der Welt, aber über 20 Prozent der Weltbevölkerung,

.... ist nach Angaben der Welthandelsorganisation WTO fünftgrößter Exporteur von Agrarerzeugnissen, mit einem Anteil am Welthandel von rund 40 Prozent gleichzeitig der größte Sojaimporteur,

... gehört zu den Ländern mit dem höchsten Düngereinsatz je Hektar, aber auch mit dem größten Anteil organischer Landwirtschaft,

.... hat von den Entwicklungsländern das weitaus umfassendste Programm für Agro-Biotechnologie.

 

Land

Kaum mehr als 10 Prozent der Fläche sind landwirtschaftlich nutzbar, das meiste davon im östlichen Drittel des Landes. Dieses Gebiet wird durch den Qinling-Gebirgszug in zwei sehr unterschiedliche landwirtschaftliche Regionen unterteilt – in den subtropischen Süden, wo Reisanbau vorherrscht, und den kühleren, trockenen Norden mit Weizenanbau. Die riesigen Gebiete im Nordwesten und Südwesten sind für die Landwirtschaft weitgehend ungeeignet. So gibt es in Provinzen wie Xinjiang oder der Inneren Mongolei vor allem ausgedehnte Viehwirtschaft.

Bei der Gründung der Volksrepublik China 1949 war praktisch alles Land, das landwirtschaftlich genutzt werden konnte, bereits bebaut. Be- und Entwässerungssysteme, die oft Jahrhunderte alt waren, und intensive Anbaumethoden brachten relativ hohe Erträge.

Durch Industrialisierung, Urbanisierung und Umweltprobleme wie Erosion geht die verfügbare fruchtbare Nutzfläche rasch zurück. Nach Regierungsangaben zeigten im Jahr 2002 356 Millionen Hektar Land, mehr als ein Drittel des Territoriums, Erosionserscheinungen, davon waren 43 Millionen Hektar schwer geschädigt. Eine der Hauptursachen für Bodenerosion, Desertifikation und den Verlust biologischer Vielfalt ist der Rückgang der Wälder.

Die durchschnittliche Hofgröße lag 2005 bei 0,65 Hektar beziehungsweise 10 mu (1 ha = 15 mu). Damit wächst der Druck zu ständiger Produktions- und Produktivitätssteigerung. Ein weiterer Ausweg ist die Erschließung neuer Landflächen in anderen Regionen, etwa im Nordosten. Doch sind die Erschließungskosten hoch, die Anbausaison kurz. So werden in zunehmendem Maße auch Importe von Agrarprodukten notwendig.

Wasser

Je Einwohner steht in China nur ein Drittel so viel Wasser zur Verfügung wie im weltweiten Durchschnitt, andere Quellen sprechen sogar von lediglich einem Viertel. Im subtropischen Süden gibt es relativ reichlich Niederschläge und mehrere große Flüsse, Klima und Bewässerung machen hier zwei bis drei Ernten im Jahr möglich. Die nordchinesische Ebene, die wichtigste Anbauregion für Weizen, leidet immer wieder unter Dürre einerseits, Überschwemmung andererseits. Seit den 1960er Jahren wurde die Bewässerung stark ausgebaut, Wassermangel bleibt aber nach wie vor ein Problem. Beobachter schätzen die Versorgungslücke auf 30 Milliarden Kubikmeter im Jahr. Erschwerend kommt dazu die Verschmutzung durch Industrien, Haushaltsabwässer und Landwirtschaft.

Insgesamt sind ein Drittel bis die Hälfte der Anbaufläche bewässert. Doch große Teile der Infrastruktur sind veraltet und ineffizient, so dass wohl nur 14 Millionen Hektar über gute Bewässerungssysteme verfügen. Als eine Antwort darauf ist die Zahl der privaten Pumpen rasch gestiegen. Die Wasserentnahme erfolgt häufig schneller, als die Reserven wieder aufgefüllt werden. Dadurch sinkt der Grundwasserspiegel in vielen Gebieten stark. Um den sparsamen Umgang mit Wasser zu fördern, hat die Regierung begonnen, Wassergebühren für die Landwirtschaft eingeführt.

Seit langem schon gibt es Pläne, Wasser für die Landwirtschaft im Norden umzuleiten, etwa aus dem Yangtze-Fluss. Das umstrittene Großprojekt „Vom Süden in den Norden“, das zuerst von Mao Zedong 1952 vorgeschlagen wurde, wurde 2001 beschlossen. Die Kosten für drei gewaltige, hunderte von Kilometern lange Kanäle werden auf 62 Milliarden US-Dollar veranschlagt, dreimal so viel wie die Kosten für den Dreischluchten-Damm, und die Umsiedlung von rund 300.000 Menschen bringen. Die östliche Route, die weitgehend dem alten „Großen Kanal“ folgt, ist weitgehend fertig gestellt. Die Inbetriebnahme des mittleren Teils, die ursprünglich für 2010 geplant war, verzögert sich voraussichtlich um mehrere Jahre. Die westliche Route, die durch gebirgiges Gebiet führt, ist besonders umstritten und technisch schwierig und wird kaum vor 2050 fertig werden.

Weitere Informationen: Peter H. Gleick, China and Water, in: The World's Water 2008-2009: The Biennial Report on Freshwater Resources, Chapter 5

Beschäftigung

Nach Angaben der Volkszählung 2006 lebten 746 Millionen Menschen in den ländlichen Regionen. Davon waren 342 Millionen in der Landwirtschaft beschäftigt, die oft Subsistenzproduktion ist. Obwohl der Anteil der Landwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt (GDP) nur etwa 13 Prozent – mit sinkender Tendenz – beträgt, stellt sie rund 40 Prozent der Beschäftigung.

Die intensive Landwirtschaft mit Techniken, die seit Jahrhunderten angewendet werden, erfordert hohen Arbeitseinsatz. Rein rechnerisch sank die Zahl der Arbeitskräfte je 100 Hektar von 1994 bis 2003 lediglich von 221 auf 205, im internationalen Vergleich ein hohes Verhältnis. Es signalisiert, dass der Einsatz von moderner Technologie und Inputs gering ist, von einigen Regionen abgesehen. Erst unter dem Ende der 1970er Jahre eingeführten Household Responsibility System begannen einzelne Betriebe und Kollektive, Maschinen anzuschaffen, insbesondere kleine Traktoren und Lastwagen, und Industriedünger, Pestizide und Hochertrags-Saatgut einzusetzen.

Neben der Landwirtschaft entwickelten sich in den 1970er und 1980er Jahren die Towns and Village Industries (TVI). Städte, Dörfer und Gruppen von landwirtschaftlichen Betrieben, die als „rural economic unions“ bezeichnet wurden, bauten kleine Fabriken, Verarbeitungsbetriebe, Bauunternehmen und andere Beschäftigungsmöglichkeiten außerhalb der Landwirtschaft auf. Damit boten sich neue Möglichkeiten, „die Landwirtschaft zu verlassen, aber auf dem Land zu bleiben“. 1986 waren in nicht-landwirtschaftlichen Betrieben in ländlichen Regionen 21 Prozent der ländlichen Arbeitskräfte beschäftigt, die mehr als 50 Prozent zur Wirtschaftsleistung der ländlichen Regionen beitrugen.

Ging es der ländlichen Bevölkerung in den 1980er Jahren noch vergleichsweise gut, hat sich das Stadt-Land-Verhältnis seither deutlich verschoben: Betrug 2004 das durchschnittliche Jahreseinkommen auf dem Land 2.900 Yuan, in den Städten 9.400 Yuan, so war der Unterschied 2009 auf 11.000 Yuan (4.700 gegenüber 15.700 Yuan) gestiegen (China Daily, April 2009).

Die Benachteiligung der ländlichen Regionen und vorsichtige Lockerungen in den Beschränkungen der Bewegungsfreiheit führten zu steigender Migration, teils auf eigene Faust, teils offiziell gefördert, um die aufstrebenden Exportindustrien und die boomende Bauwirtschaft mit billigen Arbeitskräften zu versorgen. Trotz der niedrigen Löhnen können die Rücküberweisungen das Einkommen ganzer Dörfer aus der Landwirtschaft übersteigen, wobei es große regionale Unterschiede gibt. Der überwiegende Teil des Geldes wird für den Lebensunterhalt und Krankheitskosten ausgegeben, weniger fließt in die Modernisierung der Landwirtschaft.

Produktion

Der grundlegende Strukturwandel der Wirtschaft Chinas schlägt sich natürlich auch in der Landwirtschaft nieder. Lieferte der landwirtschaftliche Sektor 1949 noch die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts, so ging dieser Anteil bis 1978 auf 25 Prozent zurück. Nach den Reformen seit Ende der 1970er Jahre stieg er bis 1985 wieder an – nach einigen Quellen auf rund ein Drittel. Angesichts der raschen Ausweitung der Industrie sank er seither stark, 2004 lag er bei 13,1 Prozent.

Mit einer durchschnittlichen Wachstumsrate von annähernd fünf Prozent im Jahr übertraf der Anstieg der landwirtschaftlichen Produktion deutlich das Bevölkerungswachstum. Getreide, etwa die Hälfte davon Reis, ist nach wie vor das wichtigste Anbauprodukt, sowohl was den Anteil an der Produktion als auch die Anbaufläche betrifft. Die jährliche Getreideproduktion lag in den vergangenen Jahren durchschnittlich bei über 500 Millionen Tonnen, wenn auch mit starken Schwankungen. 2008 betrug sie nach Angaben der Nachrichtenagentur Xinhua 525 Millionen Tonnen. Im internationalen Vergleich sind die Hektarerträge hoch: So stieg er für Mais von 1,18 Tonne je Hektar 1961 auf 5,15 Tonnen 2007, für Reis von 2 auf 6,43 Tonnen, für Weizen von 0,58 auf 4,61 Tonnen (Xinhua, 26.8.2009).

Nach wie vor strebt die Regierung eine weitgehende Selbstversorgung mit Grundnahrungsmitteln an. So schlug die National Development and Reform Commission jüngst vor, dass das Land im Jahr 2020 einen Selbstversorgungsgrad von 95 Prozent bei Getreide erreichen soll. Dazu müssen 540 Millionen Tonnen jährlich erzeugt werden, 38 Millionen mehr als 2007. Unter anderem soll deshalb verhindert werden, dass die landwirtschaftliche Nutzfläche unter 120 Millionen Hektar sinkt. Die landwirtschaftliche Infrastruktur und die Wasserversorgung sollen verbessert werden.

Der Anteil von Getreide geht seit Anfang der 1990er Jahre deutlich zurück. Nachdem die Regierung die Maßnahmen zur Förderung des Getreideanbaus zunehmend gelockert hat, gehen viele Betriebe zu einträglicheren Produkten wie Obst und Gemüse, Knoblauch und Zwiebeln über, zunehmend auch für den Export. 2005 wurden in China 49 Prozent des weltweit erzeugten Gemüses angebaut, verglichen mit 36 Prozent zehn Jahre zuvor, und die Hälfte aller Äpfel. Mit 60 Prozent ist China der weltweit größte Birnen-Produzent und es wird erwartet, dass der Anteil weiter steigen wird. Außerdem hat das Land den höchsten Bestand an Schweinen und ist führend in der Aquakultur.

Dagegen ging die einheimische Sojaproduktion dramatisch zurück, vor allem aufgrund billiger Importe. So kam Ende 2008 der kommerzielle Handel mit einheimischem Soja in der Heilongjiang-Provinz, dem wichtigsten Anbaugebiet, zum Erliegen, weil die Importpreise unter dem einheimischen Stützungspreis lagen.

Anfangs verwendeten die Bauern überwiegend organischen Dünger. Um die Produktion zu steigern, wurde jedoch zunehmend Chemiedünger eingesetzt, dessen Produktion und Einfuhr stark wuchsen. Inzwischen ist Chinas Landwirtschaft einer der größten Nutzer von Industriedünger. Auf weniger als einem Zehntel der weltweit verfügbaren landwirtschaftlichen Nutzfläche wird ein Drittel der Weltproduktion von Nitratdünger verwendet. In jüngster Zeit zog auch die Verwendung von Pestiziden kräftig an. Mit einem Verbrauch von schätzungsweise durchschnittlich 300.000 Tonnen aktiver Wirkstoffe im Jahr führt China beim Einsatz von Pestiziden. 2004 wurden Agrargifte im Wert von 620 Millionen US-Dollar importiert. Zu den Ertragssteigerungen trug auch neues, ertragreicheres Saatgut bei, dessen Verwendung mit der Ausweitung von Bewässerung und dem Einsatz von Industriedünger einher ging. Heute hat China laut Weltbank zudem das weitaus anspruchsvollste Programm für Agro-Biotechnologie unter den Entwicklungsländern.

Steigende Produktionskosten, unter anderem durch industrielle Inputs, tragen inzwischen zum Preisanstieg bei Nahrungsmitteln und damit zu beschleunigter Inflation bei. So stiegen in den vergangenen fünf Jahren die Preise für einige Düngersorten um 26 Prozent, für Diesel um 64 Prozent und für Plastikplane, etwa für Gewächshäuser, um 60 Prozent.

Agrarhandel

Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO 2001 hatte nicht nur weitreichende Auswirkungen für die Bauern, die teilweise - insbesondere bei Soja - unter Preisdruck durch Importe zu leiden hatten, sondern auch für den globalen Agrarhandel. Bis dahin wurde der ausländische Agrarhandel durch eine kleine Anzahl staatlicher Handelsunternehmen abgewickelt. Trotz weitreichender Handelsliberalisierung wird insbesondere der Getreidehandel nach wie vor staatlich kontrolliert. Außerdem greift die Regierung durch Maßnahmen wie Importverbote oder Exportbeschränkungen ein, um Preissteigerungen zu begrenzen, und die Bemühungen um Ernährungssicherheit durch Maßnahmen zur Steigerung der Getreideproduktion durch handelspolitische Maßnahmen zu flankieren.

In den Jahren nach dem WTO-Beitritt baute China Hürden für den Agrarhandel stark ab, die Agrartarife gehören heute – von einigen Ausnahmen wie Getreide, Zucker und Tabak abgesehen – zu niedrigsten weltweit. Für Soja zum Beispiel liegen sie unter drei Prozent. Insgesamt stieg der Agrarhandel nach dem WTO-Beitritt stark an, das Land wurde vom Netto-Exporteur zum Netto-Importeur. Die Importe stiegen von 19,5 Milliarden US-Dollar (2000) auf 65,2 Milliarden (2007), die Exporte im gleichen Zeitraum von 16,4 Milliarden auf 39 Milliarden. Damit war China der fünftgrößte Exporteur und der viertgrößte Importeur von Agrarprodukten. Der Anteil der Agrarprodukte am gesamten Außenhandel ging jedoch kontinuierlich auf 6,8 Prozent (Importe) beziehungsweise 3,2 Prozent (Exporte) zurück.

Die wichtigsten Importprodukte waren Soja mit 33 Millionen Tonnen beziehungsweise 12 Milliarden US-Dollar, Baumwolle (2,6 Milliarden Tonnen / 3,8 Milliarden US-Dollar) und Palmöl (5 Millionen Tonnen / 3,8 Milliarden US-Dollar). Wichtigster Lieferant für Soja und Baumwolle sind die USA, Palmöl bezieht das Land vor allem aus Indonesien und Malaysia. Bei Nahrungsmitteln, einschließlich Getreide, war Chinas Handelsbilanz 2007 mit jeweils rund 33 Milliarden US-Dollar Exporten beziehungsweise Importen ausgeglichen.

Der weitaus wichtigste Exportmarkt ist Japan, gefolgt von der Europäischen Union. China dominiert bei einer Reihe von Produkten den internationalen Handel, etwa bei verarbeitetem Hühnerfleisch, Knoblauch, Trockengemüse und Apfelsaft, Tomatenmark und -püree. Ein wachsender Anteil der Agrarexporte stammt inzwischen aus organischer Landwirtschaft.

Weitere Informationen: China: Out of the Dragon's Den? MAP (Monitoring Agri-trade Policy), May 2008 (European Commission)

Reformen

Seit 1949 verfolgte der Staat verschiedene, sehr unterschiedliche Politiken, um die landwirtschaftliche Produktion zu steigern – nicht immer erfolgreich. Und stets stand die Agrarpolitik in Konkurrenz zum Ausbau des industriellen Sektors, der meist Priorität hatte und in den die größten Investitionen flossen.

Nach der Gründung der Volksrepublik wurden zunächst in einem massiven Landreformprogramm die Großgrundbesitzer enteignet und Land an die Bauern verteilt. Nach und nach wurden die Betriebe in Kooperativen, Kollektiven und schließlich in Volkskommunen organisiert. Eine Folge des „Großen Sprungs“ (1958 bis 1960), bei dem auf eine rasche Industrialisierung gesetzt wurde, war ein starker Produktionsrückgang, der zu einer massiven Hungerkrise führte.

1978 begannen als eine Säule der „Vier Modernisierungen“ weitreichende Agrarreformen, die einen Vorläufer und die Grundlage der späteren Reformen im Industriebereich darstellen. Ihr Kern ist das Household Production Responsibility System: Familien erhielten ein individuelles Stück Land, in der Regel registriert auf den Namen des Mannes, und verpflichteten sich vertraglich, darauf bestimmte Produkte anzubauen. Nach der Ernte wurde eine vereinbarte Menge zu einem festgelegten Preis an den Staat verkauft. Alles, was darüber hinaus ging, konnte die Familie selbst verwenden oder verkaufen. Damit nahmen städtische und ländliche freie Märkte und Vermarktung einen gewaltigen Aufschwung. Die Produktion wurde je nach den agro-klimatischen Voraussetzungen diversifiziert. Familien, die nicht genügend Arbeitskraft oder Interesse an der Landwirtschaft hatten, konnten ihre Felder anderen überlassen. Mit „spezialisierten Haushalten“ entwickelten sich private Agrardienstleister, etwa für Gerätschaften, Beratung oder Transport, von denen viele relativ wohlhabend wurden.

Diese Reformen führten zu einem deutlichen Anstieg der Produktion und einer Verbesserung der Versorgung. Gleichzeitig stiegen die Einkommen der bäuerlichen Familien, zumal sich zusätzliche Einkommensmöglichkeiten neben der Landwirtschaft eröffneten. Die Abkehr von kollektiven Institutionen brachte allerdings Verschlechterungen bei der Gesundheitsversorgung, im Bildungsbereich und anderen sozialen Bereichen, für deren Bereitstellung der Kommunen zuständig gewesen waren.

Seit 1994 erfolgten weitere Änderungen, die unter anderem auf eine Verringerung der Getreideimporte abzielten. Die staatlichen Aufkaufpreise wurden angehoben und subventioniert. Mit dem Governor's Grain Bag Responsibility System (1995) wurden die Provinz-Gouverneure verpflichtet, für eine ausreichende Versorgung mit Getreide und stabile Preise in ihren Provinzen zu sorgen. Mit dem im Frühjahr 2006 formulierten Programm New Socialist Countryside fördert die Regierung zudem Investitionen in den ländlichen Regionen, zum Beispiel für kleine Biogasanlagen, in das Bildungs- und Gesundheitswesen und in die Anschaffung von Konsumgütern. Die neuen Reformansätze schlugen sich in höheren Staatsausgaben für die Landwirtschaft, die ländlichen Gebiete und die ländliche Bevölkerung nieder: 2006 stellte die Zentralregierung 339,7 Milliarden Yuan bereit, den höchsten Betrag in der Geschichte. Der Agrarhaushalt stieg 2007 um 30 Prozent, 2008 um 38 Prozent und soll dieses Jahr um weitere 20 Prozent steigen (Xinhua).

Zudem wurden weitere Schritte zur Reform des Landnutzungsrechts eingeleitet. Mitte Oktober 2008 verabschiedete das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei einen Vorschlag, der den Bauern offiziell erlaubt, ihre Landnutzungsrechte abzutreten, etwa durch Verpachtung. Die endgültige Entscheidung wurde aber verschoben. Triebkräfte hinter dieser Reform sind die wachsende Ungleichheit zwischen Stadt und Land, die verbreiteten Bauernproteste und die Notwendigkeit, Chinas Landwirtschaft zu modernisieren. Die Reform soll den Bauern größere Sicherheiten geben wie zum Beispiel eine garantierte Pachtzeit von bis zu 70 Jahren. Theoretisch können Bauern zudem von steigenden Landpreisen profitieren, indem sie ihr Land weiter verpachten, etwa wenn sie auf Arbeitssuche in die Städte abwandern. Große Agrarunternehmen, die Land pachten, müssen die Eigentümer zu Anteilseignern machen.

Die angekündigte Reform geht aber nicht so weit, Land in Privateigentum zu verwandeln. Auch schließt sie explizit eine Nutzungsänderung aus, um die verbliebene landwirtschaftliche Nutzfläche gegen weitere Einschränkung durch Spekulation, Urbanisierung und Industrien zu verteidigen. Chinesische Wirtschaftsfachleute erwarten, dass die Reform die Konsolidierung der kleinen Äcker vorantreiben wird und dadurch größere und effizientere Betriebe entstehen. Die Modernisierung der Landwirtschaft soll sich in einem beschleunigten Wachstum der Landwirtschaft und höheren Einkommen niederschlagen, die besonders nach dem WTO-Beitritt Chinas 2001 und der Öffnung des einheimischen Marktes für Importe von Baumwolle oder Soja gesunken sind.

New Socialist Countryside

Agriculture remains the weak part of national economy
(State Grain Security Plan for 2008-2020 Period, zitiert bei Xinhua)

 Im Frühjahr 2006 formuliert die Regierung mit dem Programm New Socialist Countryside eine Antwort auf die zahlreichen Probleme in vielen, vor allem in abgelegenen ländlichen Gebieten, und verspricht unter anderem, die Ausgaben für diesen Bereich zu erhöhen. Als die Schlüsselelemente für den Aufbau eines Neuen Sozialistischen Ländlichen China werden fünf Bereiche benannt:

  • Fortschrittliche Produktionsweise

  • Verbesserte Lebensbedingungen

  • Eine zivilisierte soziale Atmosphäre

  • Saubere und gepflegte Dörfer

  • Demokratisches Management

Damit wird von der Regierung in Beijing anerkannt, dass die ländlichen Regionen von der übrigen Entwicklung abgehängt wurden, um nicht zu sagen, dass sie die Kosten dafür trugen. Trotz der Fortschritte, vor allem in den 1980er Jahren, wachsen die wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Probleme. Damit entsteht ein Konfliktpotenzial, das sich bereits in tausenden von Protesten niederschlägt - gegen Landverlust, Umweltprobleme und Behördenwillkür.

Zum einen verschlechtern sich die Bedingungen für die landwirtschaftliche Produktion:

  • Die landwirtschaftliche Nutzfläche ist inzwischen auf 122 Millionen Hektar zurück gegangen, sodass die Alarmglocken klingeln: 120 Millionen Hektar wurden offiziell als unterste Schwelle festgeschrieben, ein Nutzungswechsel, etwa für Industrieansiedlung, ist nur zulässig, wenn gleichzeitig neues Agrarland erschlossen wird.

  • Auch der Wassermangel wird zu einer Wachstumsbremse. Die Bewässerungs-Infrastruktur ist häufig in schlechtem Zustand, Stauseen werden unzureichend in Stand gehalten, 80 Prozent der Kanäle sind nicht befestigt.

  • Der hohe Einsatz von Industriedünger und Pestiziden führt zu Umweltbelastungen, die oft hohen Rückstände in Nahrungsmitteln bremsen das Wachstum der Agrarexporte und treiben städtische Verbraucher zu Protesten.

  • Die Migration von schätzungsweise 150 Millionen Wanderarbeitern und -arbeiterinnen führt zu Arbeitskräftemangel, Felder werden nicht intensiv bestellt.

Gleichzeitig sind die Lebensbedingungen in vielen ländlichen Gebieten weitaus schlechter als in den Städten:

  • Verkehrs- und Kommunikations-Infrastruktur sowie soziale Dienstleistungen hinken hinter der Entwicklung in den Boom-Regionen hinterher. 2004 war noch jedes zweite Dorf ohne Anschluss an ein Wassernetz, nur eine Viertel der nationalen Budgets für Grundbildung und öffentliche Gesundheitseinrichtungen floss in die ländlichen Gebiete.

  • Das Einkommensgefälle sowohl zwischen Stadt und Land als auch zwischen verschiedenen Regionen wächst. 2002 betrug das Stadt-Land-Einkommensverhältnis 3:1. Nach Angaben der Weltbank stieg es bis 2006 auf 3,26:1, ein Jahr später auf 3,33:1.

Mit der Formulierung des Programms einer New Socialist Countryside wurde das Problem erkannt – aber ist es damit auch gebannt?

Siehe auch ....

... die 2008 eingerichtete und in größeren Abständen aktualisierte Website zu Landwirtschaftin China, Teil des Informationsdienstes Facts and Details mit weiteren, umfassenden Informationen über China, die ebenfalls Grundinformationen und einige weiterführende Links bietet.