Fair zum Boden
Der Verlust der fruchtbaren Böden und damit die Gefährdung von Landwirtschaft und Ernährung hat in den vergangenen Jahren trotz der UN Convention to Combat Desertification (UNCCD) nur geringe öffentliche Aufmerksamkeit bekommen. Mit dem steigenden Interesse von Agrarinvestoren ändert sich das jetzt. Erst kürzlich hat die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) auf den alarmierenden Zustand der Böden weltweit hingewiesen (State of the World's Land and Water Resources for Food and Agriculture, SOLAW). Das Themenheft 2011 der Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller (AoeL) stellt die Bedeutung, die der Schutz der Böden hat, heraus und zeigt auf, welchen Beitrag der Bio-Landbau dabei leistet. Mit weiterführenden Informationen.
Fair zum Boden. Herausgegeben von Aoel, Mai 2011. Link (pdf-Datei, 4,5 MB)
Siehe dazu auch den globe-spotting-Beitrag "Die Quadratur des Kreises" über den FAO-Bericht.
Food Crash oder ökologische Invensivierung
November 2011: Der reisserische Titel passt so gar nicht zur Darstellungsweise dieses Buch. Aus persönlicher Sicht, anschaulich und geradezu erdverbunden beschreibt der Verfasser, der selbst einen Biobetrieb besitzt, die Probleme und Gefahren der intensiven, chemiebasierten Landwirtschaft, die er dafür verantwortlich macht, dass trotz aller Produktionssteigerung verbreitet Ernährungsunsicherheit und Hunger herrschen, und die - deshalb der Titel - in den Zusammenbruch führe. Als Alternative wirbt er für den "neuen Weg", die Intensivierung der ökologischen Landwirtschaft, und veranschaulicht das mit zahlreichen Beispielen, aber auch mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und wirtschaftlichen Argumenten. Dass er dabei als Funktionär mehrerer ökologischer Verbände auch pro domo spricht, tut der sachlichen Argumentation keinen Abbruch. Eher trägt es dazu bei, Informationen und Sachverhalte, die zum Teil so oder ähnlich auch anderswo zu lesen sind, in ein neues Licht und einen größeren, praxisorientierten Zusammenhang zu stellen.
Felix zu Löwenstein, Food Crash. Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr. (Pattloch Verlag) 2011
Bahnbrechende Züchtungserfolge - ohne Gentechnik
Oktober 2011: Um die Akzeptanz der Agro-Gentechnologie zu verbessern, melden die Life Sciences-Unternehmen regelmäßig neue 'Wunderpflanzen'. Damit betreiben sie politische Lobbyarbeit, um die Gentechnologie als Lösung für die vielfältigen Probleme der Landwirtschaft - von geringen Erträgen über Krankheitsanfälligkeit bis hin zum Klimawandel - zu etablieren. Erfolgsgeschichten mit anderen Züchtungsverfahren werden dagegen kaum bekannt, ihre breite Anwendung kaum gefördert. Der Informationsdienst GM Watch stellt solche bahnbrechenden Züchtungserfolge auf NeedGM? vor.
Bauernmärkte bringen Einkommen und Arbeitsplätze
August 2011: Obwohl diese Studie der Union of Concerned Scientists die Situation von Bauernmärkten in den USA, wo sich deren Zahl seit 2000 auf über 6000 mehr als verdoppelt hat, analysiert und Empfehlungen für ihre stärkere Unterstützung durch den Staat macht, enthält sie zahlreiche Einsichten und Anregungen, die auch für die Entwicklung lokaler und regionaler Ernährungssysteme in Europa oder in Ländern des Südens hilfreich sind.
Market Forces: Creating Jobs through Public Investment in Local and Regional Food Systems, by Jeffry K.O'Hara. August 2011
Frauen in der Landwirtschaft
11. April 2011: Frauen leisten mindestens die Hälfte der Arbeiten, die in den Ländern des globalen Südens in der Landwirtschaft anfallen. Doch lediglich zwischen drei und 20 Prozent der Landbesitzer sind weiblich, eine Folge von Traditionen, Erbrecht und gesetzlichen Regelungen, die Frauen benachteiligen. Gesicherte Landnutzungsrechte für Frauen, zusammen mit besserem Zugang zu Produktionsmitteln und Krediten, könnte die landwirtschaftliche Produktion um 20 bis 30 Prozent steigern, schätzt die UN-Landwirtschaftsorganisation FAO in ihrem Bericht über die Situation der Landwirtschaft 2011. Dass der Zugang zu Krediten allerdings ein zweischneidiges Schwert ist, zeigt Christa Wichterich am indischen Mikrofinanzsystem auf, durch das besonders Bäuerinnen in die Schuldenfalle geraten sind.
Auch in der Studie von ActionAid steht der unzureichende Zugang von Frauen zu Land als wesentliche Ursache für Ernährungsunsicherheit im Mittelpunkt. Darüber hinaus bietet sie einen Überblick über Frauenarbeit in ländlichen Gebieten. "Land grabbing" und der großflächige Anbau von Agrartreibstoffen würde zu ihrer weiteren Marginalisierung führen, warnt sie. Wie sowohl die Ernährung als auch der Schutz der Wasserressourcen auf der Grundlage herkömmlicher Praktiken gesichert werden kann, beschreibt Shiney Varghese von IATP am Beispiel der indischen Frauenorganisation Tamilnadu Women's Collective.
FAO, The State of Food and Agriculture 2011. Rome 2011. Link
Christa Wichterich, Schuldenfalle in der Landwirtschaft. In: Rundbrief 1/2011, Forum Umwelt und Entwicklung. Download (pdf-Datei 113 kb)
ActionAid, Her Mile. Women's Rights and Access to Land. March 2010. Link
Shiney Varghese, Women at the Center of Climate-friendly Approaches to Agriculture and Water Use. February 2011 (Institute for Agriculture and Trade Policy). Link
Siehe auch die FAO-Datenbank "Gender and Land Rights": Link
Innovativ gegen Hunger und Armut
20. März 2011: Kern des Berichts sind 25 Fallstudien in Afrika, wie kleinbäuerliche Landwirtschaft zur Beseitigung von Hunger, Armut und Umweltschäden, den drohenden Klimawandel eingeschlossen, beitragen könnte. Ähnliche Einsichten werden inzwischen auch von zahlreichen Regierungen und multilateralen Institutionen verkündet. Die Kernfrage ist allerdings, wie solche optimistisch stimmenden Ansätze verbreitert und verallgemeinert werden können. Die Forderung nach mehr Unterstützung durch den Staat und die Vorschläge für "Innovationen" für die EU-Agrarpolitik, für Institutionen, Governance und politische Reformen bleiben allerdings vage und verengt, da sie sowohl die Macht der Agrarindustrie als auch die Rolle bäuerlicher Organisationen und Bewegungen weitgehend ausblenden.
Worldwatch Institute (Hrsg.), Hunger im Überfluss. Neue Strategien gegen Unterernährung und Armut. Zur Lage der Welt 2011. München (oekom) 2011
Siehe dazu auch: Wer ernährt die Welt? Bäuerliche Landwirtschaft hat Zukunft. Bonn (eed) Mai 2008. Download (pdf-Datei 2,34 MB)
Ernährungssouveränität für Europa
März 2011: Die Diskussion um die Neuausrichtung der europäischen Agrarpolitik (GAP) ist in vollem Gange (Siehe die Kampagnenseite deutscher Organisationen). Einer der zivilgesellschaftlichen Beiträge dazu ist das Konzept der Ernährungssouveränität, das vom internationalen Bauernnetzwerk Via Campesina entwickelt wurde und inzwischen breite Akzeptanz hat. Für eine hochindustrialisierte, global stark integrierte Landwirtschaft wie die europäische würde seine Durchsetzung eine radikale Wende erfordern. Ausserdem bietet das Büchlein eine knappe Einführung in die europäische Landwirtschaftspolitik.
Gérard Choplin, u.a., Ernährungssouveränität. Für eine andere Agrar- und Lebensmittelpolitik. Wien 2011 (Mandelbaum Verlag)
Die Rückkehr der Gärten in die Stadt
März 2011: Sollten einst die "Schrebergärten" vor allem der städtischen Arbeiterklasse ein nahrhaftes Zubrot bringen, so wollen die Aktivisten des Urban Gardening heute sehr viel mehr: Gemeinschaftsgärten gelten ihnen als Sozialräume neuen Typs, als Orte des Widerstands gegen die neoliberale Ordnung, bieten Antworten auf vielfältige Wachstumskrisen und die Unwirtlichkeit der Städte, und sollen über die Idylle grüner Oasen hinaus Konzepte individueller und städtischer Selbstversorgung entwickeln. Ob sie das Zeug haben, "neue Wohlstandsmodelle" und "neue Formen der Politik" zu schaffen, bleibt abzuwarten. Einen Anstoß zur Neuorientierung von Städteplanung, kommunaler Politik und der Nutzung öffentlicher Räume bieten sie allemal.
Christa Müller (Hg.), Urban Gardening. Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt. München 2011 (oekom). Die Website zum Buch. Siehe auch den Beitrag "Landwirtschaft in den Städten"
Agrargeschichten aus Afrika
Dezember 2010: Afrikas Geschichte wurde seit Jahrhunderten von unterschiedlichen Kolonialherrschaften zugerichtet. Die negativen Auswirkungen wie Armut, Abhängigkeit und die Verdrängung kultureller Vielfalt und Eigenständigkeit zeigen sich bis heute. Al Imfeld versucht, die Agrarkultur vor dieser politischen, materiellen und wissenschaftlichen Kolonialisierung zu rekonstruieren, bevor sie durch die gewaltsamen Einflüsse weitgehend verdrängt wurde. Dafür setzt er erzählerisch viele Geschichten zu einem Bild der Agrargeschichte Afrikas zusammen, das, obwohl es sich um Puzzlesteine handelt, den indigenen Reichtum zumindest erahnen lässt. Wie viel davon heute noch für eine Rückkehr zu einer eigenen, selbst bestimmten Agrargeschichte, etwa unter dem Stichwort der "Ernährungssouveränität", tragfähig ist, bleibt offen. Hintergrundmaterial "Decolonizing African Agricultural History" (pdf-Datei 2,13 MB) auf der Website von Imfeld.
Al Imfeld, Elefanten in der Sahara. Agrargeschichten aus Afrika. Zürich 2009 (Rotpunktverlag)
Die Kuh als Sündenbock
Dezember 2010: Das Bild der Kuh als Sündenbock ist zwar schief, drückt aber aus, was Anita Idel mit ihrem Buch zeigen will: Die Schuldzuweisungen an Rinder als Verursacher von Desertifikation, von Klimawandel oder von Hunger, weil sie Getreide fressen anstatt Gras, sind gefälscht. Nicht die Weidehaltung von Rindern verursacht Probleme, sondern die industriellen Fleischfabriken der Agrarindustrie, die die Ernährungsindustrie und die Supermarkt-Theken beliefern. Dem setzt Idel die Alternative von Rindern und ihrer Halter als "Landschaftsgärtner" gegenüber.
Anita Idel, Die Kuh ist kein Klima-Killer! Wie die Agrarindustrie die Erde verwüstet und was wir dagegen tun können. Marburg (Metropolis) 2010
Fleisch, ja bitte ....
September 2010: .... aber anders erzeugt. Simon Fairlie zeigt an zahlreichen Beispielen die Vorzüge einer angepassten Tierhaltung: Schweine als Resteverwerter, grasende Rinder, zusätzlich mit Stroh gefüttert, würden nicht nur Abfälle verringern, sondern auch mehr Getreide für die Ernährung übrig lassen. Fairlie nimmt auch die Berechnungen über den Beitrag der Fleischproduktion zum Klimawandel auseinander, eine Ehrenrettung für die extensive Viehhaltung. Nicht der Mensch als Fleischesser sei das Problem, so die Schlußfolgerung seiner faktenreichen Auseinandersetzung unter anderem mit Argumenten für einen völligen Verzicht, sondern die Industrie.
Simon Fairlie, Meat: a Benign Extravagance. (Hyden House) September 2010
Krisenfaktor Fleischindustrie
August 2010: Auch wenn der Titel etwas irreführend suggeriert, die Fleischindustrie befände sich in einer Krise, so ist doch unübersehbar, dass die industrielle Fleischproduktion ins Gerede gekommen ist - nach BSE, Gammelfleisch oder Käfighaltung ist es jetzt ihr Beitrag zum Klimawandel. "The Meat Crisis" stellt diese und weitere schädliche Umwelt- und Gesundheitsauswirkungen von Tierfarmen dar, zeigt aber auch alternative Haltungsmethoden und Handlungsmöglichkeiten auf und diskutiert ethische und religiöse Auseinandersetzungen mit tierischen Nahrungsmitteln.
Joyce D'Silva and John Webster (eds.), The Meat Crisis. Developing More Sustainable Production and Consumption. London (Earthscan) August 2010
Via Campesina - eine transnationale soziale Bewegung
Der Beitrag analysiert den Ursprung und die Entwícklung des Netzwerks von Bauernorganisationen. Entstanden zunächst in Lateinamerika in den 1980er Jahren, als sich der Staat aus den ländlichen Regionen weitgehend zurückzog und sich damit Spielräume für selbständigere Organisierung eröffneten, beteiligte sich Via Campesina in den 1990er Jahren zunehmend an der internationen Diskussion. Dadurch rückte es zunehmend in eine Führungsposition bei den Kämpfen. In jüngster Zeit gewinnen Gender-Themen und der Widerstand gegen transnationale Unternehmen zunehmend an Bedeutung. Zentrale Themen der Entwicklung waren der Kampf um die Anerkennung des Konzepts der Ernährungssouveränität, die Stärkung der internen Strukturen und die Bemühungen, eine gemeinsame Identität zu entwickelt und dadurch einen "Bauern-Internationalismus" zu begründen.
Maria Elena Martinez-Torres & Peter M. Rosset, La Via Campesina: the birth and evolution of a transnational social movement. In: The Journal of Peasant Studies, Vol. 37, No. 1, January 2010, 149-175. Als Download (pdf) bei Landaction
Höhere Erträge durch organischen Anbau
Die Untersuchung mit Mais und Soja durch Forscher der Iowa State University ist eine der wenigen vergleichenden Langzeitstudien. Sie wurde gemeinsam mit Bauern und nach kommerziellen Kriterien durchgeführt. Dabei zeigte sich, dass nicht nur die Erträge im Anbau nach den Standards des National Organic Program der US-Landwirtschaftsbehörde USDA den herkömmlichen Anbau übertreffen können. Der Verzicht auf Chemiedünger und Pestizide bedeutete auch niedrigere Produktionskosten und damit Éinnahmen, die im Schnitt doppelt so hoch waren.
Kurzfassung der Studie "Organic vs. Conventional Farming Systems"
Weitere Literaturhinweise:
DITSL (2009), Ökologischer Landbau und Fairer Handel
Im Auftrag des Weltladen-Dachverbandes und des Ökoverbandes Naturland haben Wissenschaftler zahlreiche Studien zum Thema 'Fairer Handel und ökologischer Landbau' ausgewertet. Die Literaturstudie zeigt die positiven wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Wirkungen. Gerade für Kleinbauern, die trotz schwieriger Bedingungen oft sehr produktiv sind, sind demnach Öko-Landbau und Fairer Handel eine überzeugende Perspektive. Die Studie ist Teil einer zweijährigen Kampagne, die die beiden Verbände seit Oktober 2009 durchführen.
Deutsches Institut für Tropische und Subtropische Landwirtschaft (Hg.), Ökologischer Landbau und Fairer Handel in Entwicklungsländern. Möglichkeiten nachhaltiger Ertragssteigerung und Beitrag zu Ernährungssicherung und Entwicklung. Status quo und Potenzialanalyse. Witzenhausen, Juli 2009. Bezug als pdf-Datei (Download) bei Naturland oder Weltladen-Dachverband
Journal of Agrarian Change (2009), 'Agribusiness for Development': Who Really Gains?
Im April 2009 organisierte das Journal of Agrarian Change ein Symposium, das sich kritisch mit dem Weltentwicklungsbericht 2008 der Weltbank, 'Agribusiness for Development', auseinandersetzte. Die Beiträge beschäftigen sich unter anderem mit den Auswirkungen der Weltbank-Politik auf kleinbäuerliche Betriebe in Afrika (Kojo S. Amanor), mit den Reaktionen zivilgesellschaftlicher Organisationen auf den Bericht (Matteo Rizzo) und mit Lösungen für Produktivitätsprobleme der Landwirtschaft in Afrika (Philip Woodhouse).
Eine Zusammenfassung von Hannah Bargawi und Carlos Oya: Development Viewpoint, Number 36, September 2009 (pdf-Datei 187 kb).
Die Beiträge können als pdf-Dateien heruntergeladen werden (Wiley InterScience): Journal of Agrarian Change, Volume 9 Issue 2, Pages 155-313 (April 2009)
Suman Sahai (2008): Indiens Saatgutrecht als Modell?
Indien gehört zu den Ländern, die versuchen, die Freiräume, die die Welthandelsorganisation WTO bei der Ausgestaltung von Patentrechten lässt, mit eigenen Saatgutrechtssystemen auszufüllen. Das indische Gesetz erkennt die wichtige Rolle der Bauern als Züchter an und beschränkt die Rechte kommerzieller Züchter an ihren Sorten auf zertifiziertes Saatgut. Damit läuft es den Intentionen der internationalen Saatgutbranche zuwider und steht daher unter enormen Druck von Kräften, die es zu Fall bringen wollen.
Suman Sahai, Die Rechte der Bauern am Saatgut - das indische Saatgutrecht als Modell für die Entwicklungsländer? Hrsg. Forum Umwelt & Entwicklung; Evangelischer Entwicklungsdienst, Bonn 2008. Bestellung oder Download (pdf-Datei 5,9 MB): EED