Landwirtschaft - ein weites Feld

Die Bedeutung der Landwirtschaft ist unumstritten. Nach wie vor leben Millionen Familien in aller Welt von der Landwirtschaft, sei es als Landarbeiter und -arbeiterinnen, sei es als kommerzielle, marktorientierte Bauern, seien es Bäuerinnen, häufig am Rande des Existenzminimums. Spätestens die Aufstände gegen steigende Nahrungsmittelpreise haben die Agrarfrage wieder auf die Tagesordnung gesetzt.

Trotz ihrer großen und vielfältigen Bedeutung hatte die internationale Entwicklungspolitik die Landwirtschaft zwei Jahrzehnte lang vernachlässigt. Die Gelder wurden seit Anfang der 1980er Jahre kontinuierlich reduziert. Doch inzwischen haben internationale Entwicklungsorganisationen wie die Weltbank die Landwirtschaft und ihre Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung und die Armutsminderung wiederentdeckt (siehe Weltentwicklungsbericht 2008). Eine neue Finanzierungsoffensive von Regierungen und Entwicklungsorganisationen für die Landwirtschaft wird begleitet von einer Neuorientierung der Politikstrategie, die den Agrarsektor wieder - wie in den 1960er und 1970er Jahren - zum Zugpferd für wirtschaftliche Transformation, Wachstum und Armutsminderung machen will. Zahllose Institutionen, Strategiepapiere und Konferenzen fordern eine neue Agrarpolitik. Das weckt Hoffnungen. Aber auch Zweifel an den Motiven und Rezepten. Zumal der Einfluss der Agrarindustrie und US-amerikanischer Stiftungen wie der Bill&Melinda Gates Foundation wächst.

Die Auseinandersetzung über die zukünftige Perspektive spitzt sich immer mehr zu: Industrie oder Natur, Konzerne oder Bauern, Ernährung oder Treibstoff - oder geht beides nebeneinander? Welche Ansätze für Alternativen gibt es? Und welche Rolle spielt der globale Handel? In der Vergangenheit wurde durch Agrarüberschüsse aus der EU und Exporte kommerzieller Großbetriebe den Kleinbauern das Leben schwer gemacht, viele wurden von Land und Hof vertrieben.  

Bauernbewegungen in Indien

Mitte der 1980er Jahre entwickelte sich in Indien eine heftige, teils polemische Debatte über „neue Bauernorganisationen“, die unabhängig von den traditionellen linken Parteien und deren Massenorganisationen agierten. Ihre sozio-ökonomische Basis hatten sie häufig unter Bauern in den am stärksten in eine kapitalistische Marktwirtschaft integrierten Regionen. Wirtschaftliche Liberalisierung, die Agrarkrise als Folge der sich beschleunigenden Marktöffnung, Industrialisierung und der Abbau von staatlicher Unterstützung für den Agrarbereich in den 1990er Jahren erodierten die wirtschaftliche Situation dieser Bauern, wie sich in der hohen Zahl von „farmers' suicides“ zeigt.

Organisationen wie Karnataka Raiya Ryota Sangh, KRSS, im südindischen Bundesstaat Karnataka reagierten darauf mit einer breiten Opposition gegen neoliberal inspirierte Modernisierungsstrategien, die in der Kampagne gegen die Einführung von Gen-Baumwolle durch den US-amerikanischen Konzern Monsanto, in der auch globalisierungskritische Intellektuelle, Umweltorganisationen und andere zivilgesellschaftliche Gruppen eingebunden waren, einen signifikanten und international viel beachteten Ausdruck fand. Zudem hat die Existenz dieses Konfliktpotentials der „neuen Bauernbewegungen“ nicht unwesentlich dazu beigetragen, die ablehnende Haltung der indischen Regierung in der WTO zu bestärken.

Der Beitrag Neue Bauernbewegungen in Indien und die Globalisierung der Agrarindustrie ist erschienen in: Globalisierung bringt Bewegung. Lokale Kämpfe und transnationale Vernetzungen in Asien, herausgegeben von Uwe Hoering, Oliver Pye, Wolfram Schaffar und Christa Wichterich, Münster (Verlag Westfälisches Dampfboot) 2009, S. 52-68