Wider die Ernährungsdiktatur
Nach ihrem Buch "Die Einkaufsrevolution" (2006) weitet Tanja Busse jetzt den Themenbereich auf globale Agrarfragen aus, genauer, auf die Zusammenhänge zwischen Verbrauchern in Industrieländern und den Strategien der Ernährungsindustrie weltweit. Thematische Schwerpunkte sind die globale Industrialisierung der Landwirtschaft, ihre Auswirkungen darauf, dass in vielen Ländern nach wie vor verbreitet Hunger herrscht, und die Folgen für die Nahrungsmittel, die auf den Esstisch kommen. Hoffnungen setzt sie vor allem auf kritischen Konsum, der Politik und Industrie zum Handel zwingen soll, und auf die Rückkehr zum eigenen Garten.
Tanja Busse, Die Ernährungsdiktatur. Warum wir nicht länger essen dürfen, was die Industrie uns auftischt. Karl Blessing Verlag 2010. Leseprobe
Kein Brot für die Welt
Kehrt der Hunger zurück? Die Frage des Klappentextes, die angesichts einer Milliarde hungernder Menschen gelinde gesagt verwundert, mag auf den Wunsch des Verlages nach einem reißerischen Aufmacher zurückzuführen sein. Das Buch des WDR-Journalisten Wilfried Bommert selbst bietet eine recht umfassende Darstellung der immer problematischer werdenden Produktionsbedingungen der Landwirtschaft – erschöpfte Böden, Klimaveränderungen, Wassermangel, Verlust der Artenvielfalt -, eine Situation, die dramatisch genug ist. Weitere Themen sind die negativen Auswirkungen der industriellen Tierhaltung, des Anbaus von Agrartreibstoffen und der Vernachlässigung der öffentlichen Agrarforschung. Im Vergleich zum düsteren Szenario fällt die Analyse der Ursachen, die sich weitgehend auf das Versagen der Ernährungspolitik beschränkt, arg schablonenhaft aus, und auch die Lösungsperspektiven bleiben dürftig.
Wilfried Bommer, Kein Brot für die Welt. Die Zukunft der Welternährung. München (Riemann) 2009. Leseprobe
Hunger ist machbar, Herr Nachbar
Der renommierte Globalisierungskritiker Walden Bello sieht nicht etwa gestiegene Nachfrage durch Bevölkerungswachstum und Konsumverhalten als entscheidende Ursachen für den Preisanstieg bei Grundnahrungsmitteln, sondern die Neuausrichtung der Agrarpolitik durch Weltbank und Internationalen Währungsfonds. Sie förderte die kommerzielle Landwirtschaft und machte viele Regionen, insbesondere in Afrika, durch Handelsliberalisierung zu Nahrungsmittelempfängern. Diese Politik stellt er in den historischen Prozess der kapitalistischen Transformation der Landwirtschaft in den vergangenen vier Jahrhunderten, zeigt aber auch den aufkommenden Widerstand gegen die Agrarindustrie, der längst weit über Bauernbewegungen wie La Via Campesina hinaus geht.
Walden Bello, Politik des Hungers, April 2010 (Assoziation A)
Agrobusiness und das Recht auf Nahrung
In seinem Bericht "Agribusiness and the right to food" vom 22. Dezember 2009 untersucht der UN-Berichterstatter für das Recht auf Nahrung, Olivier De Schutter, die Auswirkungen der globalen Wertschöpfungsketten im Nahrungsmittelbereich auf kleinbäuerliche Betriebe und Landarbeiter. Die Auswirkungen auf das Recht auf Nahrung seien "gewaltig und manchmal negativ", stellt er fest, "was zum Teil erklärt, warum Kleinbauern in Entwicklungsländern die größte Gruppe unter den Hungernden in der Welt sind." Nahrungsmittelstandards benachteiligen kleinbäuerliche Betriebe, Preisdruck wird als Druck auf Arbeitsbedingungen und Löhne von Landarbeitern weitergegeben.
Durch die Unterstützung von Genossenschaften, Verbesserungen bei Anbauverträgen zwischen Konzernen und bäuerlichen Betrieben, die Einrichtung von Beschwerde-Institutionen und größeres Verantwortungsbewusstsein für das Recht auf Nahrung könnten Regierungen und Unternehmen dazu beitragen, dass die Ernährungsindustrie zukünftig stärker als gegenwärtig zur Beseitigung des Hungers beiträgt.
Agribusiness and the right to food. Report of the Special Rapporteur on the right to food, Olivier De Schutter. United Nations, General Assembly, 22 December 2009, A/HRC/13/33. Der Bericht als Download (pdf-Datei)
Globale Hungerkrise
Das Buch behandelt ein breites Spektrum von Ursachen und Auswirkungen der Hungerkrise, verfasst überwiegend von MitarbeiterInnen zivilgesellschaftlicher Organisationen, die im Agrar- und Ernährungsbereich engagiert sind, aber auch von Wissenschaftlern und Gewerkschaftern. Insbesondere die Rolle der Globalisierung, internationaler Finanz- und Handelsinstitutionen und Transnationaler Konzerne wird analysiert. Und es wird diskutiert, inwieweit Konzepte wie Menschenrechte und Ernährungssouveränität geeignet sind, um solidarische Handlungsansätze und gesellschaftlichen Gegendruck zu entwickeln. Inhaltsverzeichnis und Leseprobe (pdf-Datei) auf der Verlags-Website
Michael Bergstreser, u.a. (Hrsg.): Globale Hungerkrise. Der Kampf um das Menschenrecht auf Nahrung. Hamburg (VSA) 2009, 192 Seiten, 12,80 €
Peak Soil - Die globale Jagd nach Land
Ausländische Direktinvestitionen in die Landwirtschaft in Asien, Afrika und Lateinamerika, die in jüngster Zeit Schlagzeilen machten, sind sowohl Ausdruck einer umfassenden Agrarkrise, als auch einer dadurch beschleunigten kommerziellen Inwertsetzung der Landwirtschaft. Im Zentrum steht dabei die zunehmende Landverknappung ("Peak Soil"), deren Ursachen und Auswirkungen Thomas Fritz knapp umreisst. Nach einer Darstellung und Analyse der "neuen Landnahme", ihrer Triebkräfte und Akteure, weitet er den Blick auf die Rolle, die internationale Organisationen wie die Weltbank dabei spielen, den Zusammenhang zwischen Landfrage und Konflikten, unter anderem in Pakistan, Kolumbien und Simbabwe, und den Verdrängungsprozess, dem die bäuerliche Landwirtschaft dadurch ausgesetzt wird. Das Buch bietet damit einen gleichzeitig kompakten und umfassenden Einstieg in das Thema.
Thomas Fritz: Peak Soil - Die globale Jagd nach Land. Berlin (FDCL-Verlag) 2009, 164 Seiten, 12,00 €. Bezug: info@
fdcl.org
Weitere Literaturhinweise: